Zwitschernde Stromzähler und die kritische Öffentlichkeit: Das Web als Katalysator der Energiewende

In Zeiten, in denen die Menschen beginnen, sich Miniaturwindräder in den Garten oder Blockheizkraftwerke in den Keller zu stellen, verlieren die großen Energiekonzerne an Macht. Aber die Entwicklung geht schleppend voran. Nur 25 Prozent der Deutschen kennen ihren jährlichen Stromverbrauch. Und noch immer liegen 80 Prozent der Energieversorgung in der Hand der vier großen Konzerne.

Das Web 2.0 ermöglicht es, sowohl das Verbraucherbewusstsein zu stärken als auch die Alternativen zur bisherigen Energieversorgung aufzuzeigen. Denn Im Internet verlieren die großen Energiekonzerne ihre Hoheit. Dort ist die Demokratisierung der Energiewirtschaft bereits vorangeschritten. Die kritische Öffentlichkeit enttarnt Green Washing und macht ihrem Ärger bei schlechtem Service Luft. Die Verbraucher definieren die Marken, indem sie darüber in ihren Netzwerken, in Blogs und auf den Seiten der Anbieter reden.

Aus Angst vor negativen Reaktionen wagen jedoch nur die wenigsten traditionellen Unternehmen der Energiebranche den Kundendialog im Social Web, so Netzökonom Holger Schmidt im F.A.Z-Blog. Alternative Anbieter wie Greenpeace Energy, LichtBlick und Naturstrom gehen in Deutschland mit gutem Beispiel voran. Sie sind dabei klar im Vorteil, weil sie im aktuellen Kontext weniger Angriffsfläche bieten. Wer mit einem schlechten Ruf ins Social Web einsteigt, setzt sich schutzlos dem Shitstorm aus.

So schlau sein, wie der eigene Stromzähler

Das Internet ist aber nicht nur Kommunikationsplattform, sondern auch Technologieträger. Wem der Stromzähler aus dem Tchibo-Shop nicht reicht, der kann seinen eigenen Stromverbrauch bei bestimmten Anbietern rund um die Uhr im Netz überwachen. Darüber hinaus gibt es Apps und SMS-Benachrichtigungen, wenn der Stromverbrauch über einen festgelegten Wert steigt. Mit Tweet-a-watt können User ihren täglichen Stromverbrauch twittern oder wie bei der Vertriebsoffensive von EnBW den Stromzähler gleich selbst zwitschern lassen.

In der Community spart’s sich leichter

Ein weiteres Prinzip, das Spiegel-Online-Redakteur Stefan Schultz bei der diesjährigen Re:publica in diesem Zusammenhang ansprach, ist die Gamification. Durch ein Bonus-System könnten Internet-Nutzer für jede gesparte Kilowattstunde Punkte sammeln, für die sie beispielsweise eine Kuh bei FarmVille bekommen. Dadurch wird der Spieltrieb geweckt und der Anreiz zum Stromsparen erhöht.

Wer noch einen Schritt weitergehen will, wird Teil einer Öko-Community, speist Daten ein, lernt sein eigenes Verbrauchsverhalten kennen und bekommt Spar-Tipps von anderen Usern. In den USA gibt es davon bereits eine Reihe von Start-ups, wie zerofootprint.net und visiblenergy.com.

Auch die eigenen Kilowattstunden sind Privatsphäre

Diese Öko-Revolution im Netz ruft gleichzeitig Hacker und Datensammler auf den Plan. Wenn Smart-Grids per Mobilfunkdaten verraten, wann ich morgens meine Kaffee-Maschine anschalte und wir unseren Stromverbrauch im Social Web transparent machen, ist ein weiterer Teil der Privatsphäre in Gefahr. Dieses Bewusstsein ist gut und wichtig. Denn auch hier müssen im Bereich Datenschutz neue Regeln aufgestellt werden, müssen die Nutzer abwägen, wie viel sie preisgeben wollen. Dennoch dürfen wir dabei nicht die Chance übersehen, uns gegenüber den Energie-Riesen zu emanzipieren. Nur mit der durch das Web 2.0 erreichten Transparenz lassen sich nachhaltige Energie-Konzepte vorantreiben.

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