Stichwort: Fehlertoleranz
„Noch so’n Spruch, Kieferbruch!“ – Es gibt soziale Räume, in denen gelten die Gesetze der Straße. Bevor man da einen falschen Schritt wagt, bleibt man lieber gleich zu Haus. Fehler werden nicht toleriert. Im Social Web ist dem nicht so. Ein Plädoyer für mehr Mut im digitalen Raum:
Spiegel Online veröffentlichte kürzlich den wissenschaftlich fundierten Artikel „Psychologie des Fehlermachens: Irren ist nützlich“, ZEIT Online zog mit dem subjektiv mindestens ebenso fundierten Leserartikel „Risikobereitschaft: Traut euch was!“ nach. Begehen wir den Fehler, zu wenige Fehler zu begehen? Ein spontanes Mash-Up ergibt: „Irren ist nützlich: Traut euch was!“. Anna Gielas, Wissenschaftlerin, von der Harvard University erläutert: „Fehler werfen Lernende beim Erwerb neuen Wissens nicht etwa zurück, sondern können das Verarbeiten und Verstehen von Information vielmehr beschleunigen.“
Die Angst vor sich beschleunigender Kommunikation im Web ist nicht allein die Angst vor Kontrollverlust, wie so oft behauptet. Sie zeugt eher von einem durchschnittlichen Fehlertoleranzwert von Null. Alexander Jussupow, Leser, sagt: „Der Versager steckt in jedem von uns.“ Seien wir uns doch ab und zu treu und lassen ihn raus. Gehen wir mit ihm auf die Straße, führen wir ihn auf der Datenautobahn Gassi. Betrachten wir das Social Web als das, was es ist: die Fußgängerzone unter den Straßen.
Ein falscher Schritt führt denn auch de facto nicht zum Tod. Die Gesetze der Fußgängerzone sind keine Kodizes, die, bräche man sie, mit geballter Wut zurückschlagen würden, sondern Kompendien guter Kommunikation, deren Selbstverständnis laut wird, sobald man den Mund aufmacht. Wer sich im Social Web verläuft, geht deshalb nicht zwingend in die falsche Richtung. Wer stolpert, wird nicht sofort von einem Auto überfahren. Ein falsches Wort führt nicht immer zu einem gebrochenen Kiefer. Fehler sind menschlich und das Social Web ist nicht gefährlich.
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