Friendcasting – wer bestimmt, worüber wir reden?
Tag für Tag entschied die Tagesschau seit 1952, worüber wir reden. Sie gewichtete durch die Länge, Platzierung und die Tonalität der Nachrichten, was wir wichtig finden müssen. Zumindest sagte man ihr einen entscheidenden Einfluss nach. Doch die Übermacht des Broadcasting ist längst gebrochen. Und auch die Titelgeschichten von den Leitmedien Spiegel, Bild oder FAZ beurteilen längst nicht mehr allein was Newswert hat. Themenkarriere macht heute, was unsere Freunde wichtig finden. Ihre Empfehlungen und Aktivitäten in sozialen Netzwerken lesen wir. Sie entscheiden, worüber wir reden. Das ist Friendcasting.
Meine Freunde verführen mich auf Websites zu gehen, die ich sonst nie besuchen würde, bringen mich dazu Artikel von Autoren zu lesen, die ich sonst absichtlich auslasse und verleiten mich dazu Veranstaltungen zu besuchen, die ich alleine nie entdeckt hätte.
Freude als neues Google
Jeder Freund wird so zur Suchmaschine – und deshalb sind die Zeitung, das Radio, das Fernsehen und noch nicht einmal Google noch das Maß aller Dinge. Wie das Internet das Informationsverhalten ändert, schrieb auch „Netzökonom“ Holger Schmidt unlängst. Laut der aktuellen Allensbacher Computer- und Technikanalyse (Acta) „informieren sich die Menschen über ein Thema heute primär im Internet, was zu Lasten aller anderen traditionellen Medien geht“. Da würde ich noch einen drauf setzen und behaupten, dass wir in der Informationsflut immer wichtiger finden, was uns unsere Freunde empfehlen. Denn ihre Geschichten, ihre musikalischen Schmuckstücke und ihre Veranstaltungen könnten auch meinen Geschmack treffen.
Doch kollektive Intelligenz und das Interesse meiner Freunde in allen Ehren – ohne die klassischen Medien hätte ich diese Woche nichts erfahren über den Chemieunfall in Ungarn, die Nobelpreise oder den Afghanistan-Konflikt – zumindest nicht in meinem Freunde-Kosmos. Doch ohne meine Freunde wäre ich nicht zur Galerieeröffnung gegangen, hätte ich nicht erfahren, dass Lady Gaga eigentlich doch ganz zauberhaft ist und hätte ich nie das Gefühl gehabt aus Berlin ganz nah an die Stuttgarter Emotionen zu kommen.
Und deshalb ist für mich die Broad-Friend-Casting-Kombination das Patenrezept fürs Rundum-Wissen.
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