Facebook als Alibi: Ich rede mit Dir – nicht!
Wer den Film The Social Network gesehen hat, könnte auf die Idee kommen, dass das 25-Milliarden-Dollar-Unternehmen Facebook Resulat einer verwehrten Liebe ist. Mark Zuckerberg bloggt im Film öffentlich über seine Ex-Freundin und nimmt dabei in Kauf, dass die ganze Welt seine persönlich gemeinten Schmähungen mitliest. Auch wenn die Liebesgeschichte in David Finchers Film frei erfunden ist, zeigt sie deutlich, wie im Social Web die Öffentlichkeit oder zumindest die gesamten Facebook-Freunde zum Steigbügelhalter für ganz persönliche Botschaften werden. Die Community wird Zuschauer bilateraler Botschaften, Dialoge und geheimer Hinweise. Dem Absender dienen die Mitleser als Alibi und Schutzraum. Wer sagt denn schließlich, ob das Statusupdate überhaupt eine Zielperson hatte oder nur einer Laune entsprungen ist? Wer kann einem beweisen, ob einem des gepostete Video einfach nur gefällt oder ob sich im Refrain eine ganz persönliche Botschaft an einen bestimmten Facebook-Freund versteckt?
Boomt das Social Web also gar nicht deshalb so, weil wir endlich all unsere Gedanken öffentlichen machen können, sondern weil es endlich ein neuer unverbindlicher Weg ist, mit einzelnen Menschen zu kommunizieren, ohne sie direkt zu adressieren? Es ist viel einfacher: seinen Chef über den Facebook-Status zu kritisieren, als es ihm am Schreibtisch zu sagen. Über eine Marke per Facebook zu lästern, als beim Kundenservice anzurufen. Oder jemandem, den man gut findet ein Video zu widmen, ohne dass man ihn zum Essen einladen muss.
Ist das Social Web also nichts anderes als ein bilateraler Kanal, bei dem das bisschen Öffentlichkeit nur billigend in Kauf genommen wird? Sitzen wir am Ende wie Zuckerberg in Finchers Film vor dem Rechner und drücken pausenlos den Refresh-Button: Weil wir auf den einen “Gefällt mir”-Daumen warten?
Wie auch immer: wer sich in der Öffentlichkeit oder im virtuellen Raum verstecken muss, um einen persönliche Beziehung zu leben, wird den Sprung in die Realität nicht schaffen: Reality kills the Facebook-Star.
2 Kommentare
Lieber Leif,
ich bin fast sicher, dass dieser Artikel eine ganz bestimmte Ursache hat. Wertet er deine Statusupdates nun auf oder ab? Ich bin noch unsicher. In jedem Fall eine ganz zauberhafte Beobachtungsgabe.
Facebook kills the Reality-Star.
Lieber Leif,
wo ist denn hier der Like-Button? Muss ich etwa einen ganzen Satz schreiben? Oder zwei?
Dein Artikel hat mir gut gefallen. Und noch ein Geständnis: In seiner fragenden Art erinnert er mich an die Texte von Carrie Bradshaw.
Das Lied ist sowieso wunderschön.
Laura
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