Darf man sagen, was man denkt? Oder die Lüge als Lösung?
Was machst Du gerade, lautet die Eingangsfrage bei Facebook. Gern wird das Status Update auch zur Beantwortung der Frage: „Was denkst Du gerade?“ genutzt! Macht das Social Web also endlich das, was wir schon immer wollten: unsere Gedanken öffentlich? Müssen wir, um die Gedanken anderer zu lesen, also nur noch Facebook-Kontakte knüpfen und Follower bei Twitter werden? Und welche Folgen hat der frei zugängliche Gedankenstream für unser Leben? Ist es eigentlich immer gut, wenn wir immer sagen, was wir denken?
„Sie glauben, doch wohl nicht, dass Sie Kanzlerin werden“, tönte Gerhard Schröder in der berühmten Elefantenrunde nach der Bundestagswahl 2005 Angela Merkel ins Gesicht – und dachte wohl nur laut.
„Du sitzt hier in Deinem Studio, hast schon drei Weizenbier drin und stellst dumme Fragen“, sagte der ehemalige Teamchef der deutschen Nationalmannschaft Rudi Völler nach einem Länderspiel zu Moderator Waldemar Hartmann – und dachte wohl nur laut.
„Ihr könnt mir alle einen blasen“, sagte der argentinische Nationaltrainer Maradona nach einem Länderspiel zur Presse – und dachte wohl nur laut.
Drei Fälle, in denen Prominente in ihren öffentlichen Äußerungen jenseits von Corporate Speech oder für die Medien geglätteten Aussagen lagen. Drei Fälle, in denen einfach mal laut gedacht wurde. Die Meinungen über das laute Denken gehen auseinander. Während die einen kritisieren, dass sich die Protagonisten nicht im Griff haben, loben andere die Authentizität ihrer Ausbrüche. Letztendlich ist lautes Denken der Reiz von Social Media – es ist authentisch.
Konsequent weiter gedreht bedeutet das aber auch, wenn sich Prominente und Unternehmen im Social Web bewegen, laufen sie Gefahr sich den Mund zu verbrennen und öffentlich kritisiert zu werden. Was also tun, wenn man auf die neuen Kanäle nicht mehr verzichten, noch sich den Mund verbrennen will? Die bloße Verbreitung von Werbe- und Corporate-Botschaften liest im Social Web niemand und zieht den Zorn der User auf sich. Authentisch lügen wäre eine Möglichkeit. Oder anders gesagt, eine Realität vorgaukeln. Denn wo lässt sich besser lügen, als in der authentischsten Quelle der Welt? Je detaillierter ich die Realität abbilden kann, desto glaubwürdiger kann ich Leute hinters Licht führen.
Die Lüge als Lösung also? Was soll schon passieren in der virtuellen Welt, in der sich nichts mehr verorten lässt und wir selbst unseren Aufenthaltsort faken können? Doch so sicher wir uns im Social Media Universum fühlen und so engagiert wir eine neue Realität konstruieren – eine Variable lässt sich niemals beeinflussen: der Zufall. Was nützt es, wenn ich mich per dopplr auf Mallorca verorte und zufällig beim Italiener in Eppendorf gesehen werde? Was nützt es, wenn ich bei Facebook sage, dass ich nur noch Freilandeier kaufe und zufällig im Supermarkt beim Kauf von Käfigeiern beobachtet werde? Der Zufall wird seinem Namen gerecht. Und er lässt sich nicht beeinflussen, denn sonst gäbe es ihn nicht mehr.
Social Media gibt uns also viele neue Räume. Es lässt uns die Realität widerspiegeln, aber es schützt uns nicht vor ihr. Und es macht uns nicht unsichtbar. Und wie anstrengend es ist, die Realität nachträglich anzupassen, weiß jeder, der schon mal mit einer Notlüge aufgeflogen ist. Der berühmte Spruch: „Vertraue nie auf das, was Frauen sagen, sondern schau einfach was sie tun“, sollte auch für Unternehmen und Menschen im Social Web gelten. Lügen ist keine Lösung. Lassen wir uns nichts vormachen. Oder viel einfacher: Sagen wir doch einfach, was wir machen.
1 Kommentar
Die Lösung liegt so nah: Behalten wir doch einfach für uns, was sonst gelogen wäre. Und sagen wir nur, was sich wirklich lohnt zu teilen.
Am Ende zählt doch, die Dinge zu betrachten, wie sie wirklich sind, und nicht, wie sie sein sollten.
Oder einfacher: Warum werden wir nicht einfach so, wie wir sein wollen.
Einfach machen.
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