Eine kleine Liebeserklärung an den Online-Wahlkampf in Deutschland

Der lange Weg der deutschen Politik ins Netz und warum wir nach dem Wirbel um den Präsidentschaftskandidaten Gauck, wieder das Wort Obama in den Mund nehmen dürfen, wenn es um Wahlkampf made in Germany geht. Yes we can!

Joachim Gauck war ein Kandidat mit einer ganz besonderen Fangemeinde – auch wenn diese nicht aus den Mitgliedern der Bundesversammlung bestand, hat sie einen nachhaltigen Wert. Fast schon hätte die altbekannte Formulierung vom Internet-Präsidenten gegriffen. Gaucks Wahlkampf war offen und dialogorientiert – ein wenig wie beim Altmeister der Politik 2.0 Barack Obama. Der mit Organzing for America seine Online-Strategie weiterführt.

Gauck ist damit einen großen Schritt weiter als die Parteien beim Bundestagswahlkampf 2009. Aber vor allem ist die Bevölkerung aufgewacht und wird urplötzlich richtig kreativ. Entwickelt Ideen zum Online-Wahlkampf und verknüpft diese mit Offline-Aktionen. Und das, obwohl es gar keine Wahl gab, wie Richard David Precht bei Spiegel-Online anmerkte. Nicht für die Allgemeinheit und noch nicht mal für die Bundesversammlung selbst. Das die Präsidentenwahl im Netz für Furore sorgen wird, zeigte sich schon nach dem Köhler-Rücktritt.

Das sie sich mehr Mitbestimmung wünschen zeigen mehr als 36 000 Mitglieder in der Facebook-Gruppe „Joachim Gauck als Bundespräsident“. Was wenig klingt, sorgte für viel Stimmung. Seine Fans produzierten Videos und sangen Gauck Lieder, sie organisierten Demonstrationen, designten T-Shirts und Fahnen und Teddys. Gaucks Fans hatten bereits vor Gauck eine eigene Homepage. Der Kandidat bedankte sich sogar mit einem You-Tube-Video und listet auf seiner Homepage die Online-Initiativen auf. Auch bei Twitter war Gauck heute das Thema. So geht Dialog. Und die Medien schreiben drüber.

2009, nach der beispiellosen Kampagne Obamas waren sich die deutschen Parteien sicher, dass Wahlkampf online möglich ist. Doch was meist fehlte, war die Partizipation der Basis – auch über Parteigrenzen hinaus. Gauck hat sie bekommen, obwohl er für die Masse nicht zur Wahl stand. Eine Liebeserklärung an die Basisdemokratie. Die Leute scheinen Lust auf Politik im Netz zu haben, wollen Meinungen bewegen. Wollen die Parteien das nutzen, müssen sie sich öffnen, traditionelle Strukturen durchbrechen und die Bevölkerung miteinbeziehen. 2009 war ein Testlauf für den Erfolg von Online-Kampagnen – mit vielen Pleiten und Pannen. 2010 zeigt, dass Politik ein großes Thema im Netz ist, das bewegt, mobilisiert und initiiert und nicht zuletzt Einfluss auf das politische Tagesgeschäft haben kann.

Und so bin ich sicher, dass Online-Wahlkampf 2013 in Deutschland noch mehr Spaß machen könnte, wenn die Wähler wieder selbst wählen können. Vor allem, wenn beherzigt wird, dass am Ende nicht das Medium, sondern der Kandidat die Stimmen gewinnt. Mit Ideen von der Basis, über Umwege und Lerneffekte. Langsam aber sicher.

Dann schreibe ich eine große Liebeserklärung.

3 Kommentare

Naja, aber der “Wahlkampf” ging ja überhaupt nicht von Gauck aus. Getrieben wurde er von den Leuten, die die Aussicht auf Wulff als Merkel-Marionette im Präsidentenamt abschreckte.
Auch die Twitter-Diskussion am Wahltag wurde keineswegs vom Kandidaten geführt – der Scherz der Titanic-Redakteure hat sie ausgelöst.

Schön finde ich aber, dass die niedrigen Barriereschwellen neuer Medien Menschen dazu veranlassen, sich wieder politisch zu organisieren. Die Grünen sind mit “Meine Kampagne” da übrigens auch ganz weit vorn.
http://www.gruene.de/meine-kampagne.html

Richtig. Zentral ist, dass die Basis aktiv wird und die Beweggründe lagen bei Gauck auf der Hand. Nicht immer gehört dazu, dass die Onlineaktivitäten von oben gesteuert werden. Der Königsweg für erfolgreichen Wahlkampf im Internet ist die Kombination des Top-down-
und Bottom-up-Ansatzes.

“Meine Kampagne” von den Grünen ist ein schönes Beispiel für den Prototyp des Graswurzelwahlkampfes: mehrstufige Engagementebenen, geschickte Verknüpfung von Online- und Offline-Wahlkampf und die Aktivierung der Basis über Themen und nicht über die Partei. Und das auch noch nach dem Wahlkampf.

Heute greift auch das Hamburger Abendblatt das Thema Politik und Internet auf:

http://www.abendblatt.de/politik/deutschland/article1588355/Die-Macht-des-Internets-erreicht-die-Politik.html

“Machtinstrument der Bürger” – ja, das kann ich mir denken, dass es so manchem Politiker nicht passt, wenn unschöne Dinge aufgedeckt werden. Wer keinen Mist baut, braucht auch die “Macht des Volkes” nicht zu fürchten, sondern kann das Internet positiv nutzen.

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