Die eingebildeten Kranken
Eine Freundin von mir ist krank. Sie ist Hypochonder. Dagegen ist Harald Schmidt ein Witz. Ihre Krankheit hat sogar schon analog der schreitenden Digitalisierung mutiert. Sie hat jetzt Cyberchondrie. Das geschieht, wenn man aktiv zu viel Selbstdiagnose im Internet betreibt. Eine gefährliche Sache, mit der man nicht spaßen sollte. Denn das Internet ist das, worauf der Hypochonder jahrlang gewartet hat. Eine ständig sprudelnde Quelle zur Bestätigung innerster Ängste und Höllenquallen.
Ich verspüre einen Druck in der Brust? Bin zwar weiblich, 25 Jahre alt und topfit – egal, das muss ein Warnsignal für einen drohenden Herzinfarkt sein. Sagen zumindest 60% aller Suchergebnisse, wenn ich bei google “starker Druck in der Brust” eintippe. Bei Eingabe von “Kopfschmerzen, Rückenschmerzen, Fieber, Erbrechen” sollte ich dringend zum Tropenarzt eilen, es könnte ja Malaria sein.
Meine Freundin ist kein Einzelfall: Laut einer Umfrage des Europäischen Statistikamtes sucht sich jeder dritte Deutsche im Internet seine ganz persönliche Diagnose zusammen. Und Google ist nicht gerade einfühlsam, was das Ranking der Suchergebnisse betrifft. Grausame, zum Tod führende Erkrankungen, finden sich häufiger in den ersten Suchtreffern, als sie ihrem realen Auftreten eigentlich entsprechen würden. Ryan White und Eric Horvitz, zwei amerikanische Forscher bei Microsoft, haben mit einer systematischen Studie diese Entwicklung der eigentlich harmlosen Informationssuche nach Krankheitssymptomen im Netz hin zu übersteigerten Befürchtungen ernster Krankheiten belegt. Ihre Forderung: medizinische Suchanfragen sollten gesondert behandelt werden, indem Suchtreffer Diagnosen nach Wahrscheinlichkeit auftreten lassen, um den Suchenden nicht unnötig zu beunruhigen.
Was man sonst dagegen tun kann? “Internet aus”, sag ich. Gefährliches Halbwissen kann nur kränker machen. In diesem Zusammenhang erzähle ich auch immer gerne folgende Geschichte: Molière, ein großer französischer Dramatiker und bekennender Hypochonder, spielte bei seinem berühmtesten Stück, “Der eingebildete Kranke”, selbst die Hauptrolle und starb bei der vierten Vorstellung im Kostüm auf der Bühne an den Folgen eines Blutsturzes.
So schlimme Konsequenzen muss Halbwissen und Uninformiert heute gar nicht mehr haben. Deshalb haben wir zum Thema digitale Patienteninformation mit Herrn Billen, dem Vorsitzenden des Bundesverbandes der Verbraucherzentrale gesprochen. Das Interview findet ihr in der neusten Ausgabe des Health radars. In diesem Sinne: A notre santé und für mehr Vertrauen auf die eigene Gesundheit.
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