Kampagne ohne Kampagne!
“Wir möchten eine Kampagne ohne Kampagne.” Dieser Satz fiel vor einiger Zeit im Gespräch mit einem potenziellen Neukunden – auf den ich mich heute schon sehr freue. Das ist nun bereits einige Tage her.
Dennoch beschäftigt mich trotz aller Alltagsaufgaben diese taktische Idee immer wieder. Sie spiegelt sehr präzise eine Weiterentwicklung im Bereich Social Media, die ich sehr begrüße. Sie macht Lust auf den intensiveren Einsatz von Social-Media-Instrumenten im Rahmen integrierter Kommunikationskonzepte. Sie markiert das Ende des Hype, das Ende der reinen Social-Media-Beratung, die von der aktuellen Euphorie rund um Facebook und Twitter profitierte.
Jeden Tag gehen wir bei der Analyse und Beratung Social-Media-Instrumente aus ganz unterschiedlichen Perspektiven an: Da gibt es die Kollegen aus dem Bereich Webkonzeption und Marketing, die Projekte tendenziell eher kurz- bis mittelfristig betrachten. In einem kreativen Prozess und aufgrund ihrer Erfahrung mit den Wirkungsmechanismen im Social Web skizzieren sie eine sogenannte Mechanik, die eine zündende Idee trägt und sich im Idealfall viral ausbreiten lässt. Oft eine ganz simple Idee. Einen Fotowettbewerb, wie ihn fischerAppelt mit “Take a step. Take a picture” für Görtz umgesetzt hat. Da gibt es auf der anderen Seite uns PR-Menschen, die konzeptionell eher langfristig denken. Die Social-Media-Instrumente eher für dauerhaftes Networking nutzen möchten, für den direkten Stakeholderdialog. Das bedingt oft einen tiefgreifenden Wandel in der Unternehmenskultur. Social Media Guidelines gehören in der Regel ebenso dazu wie die Entwicklung langfristiger Strategien.
Doch was ist diese “Kampagne ohne Kampagne”? Sie markiert meines Erachtens eine neue Ära der Online-PR. Es handelt sich dabei um einen subtilen und langsamen Weg, auf dem sich Botschaften umso glaubwürdiger – weil authentisch und ernst gemeint – auf den Marktplatz der Meinungen tragen lassen.
In der Regel steht am Anfang ein Selektionsprozess bei den Zielen. Unternehmen wissen heutzutage in der Regel, dass ihnen das Web 2.0 neben Risiken auch sehr viele Chancen bietet. Die vorläufige Fokussierung auf einige wenige Ziele steht daher am Anfang – sonst verzetteln wir uns. Wenn die Ziele, die Priorität haben, dann feststehen, können wir gemeinsam mit dem Kunden an die Umsetzung gehen. Dabei gibt es aus meiner Sicht zwei Schlüssel: Agenda Desk und Themenmatrix.
Das Agenda Desk ist die Gruppe verantwortlicher Personen. Marketing- und Kommunikationsexperten beim Kunden und, bei Bedarf, auf Agenturseite. Diese Experten müssen operativ eng zusammenarbeiten. Das Agenda Desk leitet auf Basis ihrer Expertise aus den fokussierten Zielen Botschaften und Themen ab, die der Öffentlichkeit vermittelt werden sollen. Die wiederum werden in der Themenmatrix festgeschrieben. Sie ist ein interaktiver, dynamisch gepflegter Themenplan. Idealerweise ein Online-Dokument, nicht eine verwaiste Excel-Datei irgendwo auf einem internen Server. Keine eindimensionale Themenliste, sondern ein Dokument, das neben den einzelnen Botschaften eine Vielzahl möglicher Output-Kanäle enthält, das genaue Zuständigkeiten und Umsetzungstermine festlegt. Eine Matrix mit Themen, für die Kommunikation Verantwortlichen und Kanälen auf der y-Achse und dem Zeitplan auf der x-Achse. Im Innern der Matrix wird dann festgelegt, wann was passiert. Das kann Kommunikation via Twitter sein. Das kann beinhalten, dass sich Akteure aktiv vernetzen. Events besuchen. Profil und Reichweite bei Xing oder Facebook aufbauen. Beziehungen zu Journalisten oder Multiplikatoren aufbauen. Was auch immer. Auch die Planung eigener Events kann hier bis ins Detail erfolgen, eine Event-Agentur einbezogen werden, mit der die wichtigen Meilensteine ebenfalls in der Themenmatrix abgestimmt werden.
Meine These: Mit einer Task Force – einem “Agenda Desk” – und einem detaillierten Maßnahmenplan, der Online- und Offlinemaßnahmen, PR- und Marketingaktivitäten beinhaltet, lässt sie sich machen: die Kampagne ohne Kampagne, die aus sich selbst heraus glaubwürdig und nachhaltig wirkt. Nach außen für die Öffentlichkeitsarbeit und nach innen in die eigene Organisation hinein.
7 Kommentare
[...] folgt in einigen Tagen) und Standortleiter Stuttgart bei fischerAppelt, ruft jetzt in einem Blogpost dazu auf, Kampagnen künftig ohne Kampagnen zu [...]
Sehr interessante Gedanken, die nach einem Praxisbeispiel verlangen. Nicht, dass ich mir nicht vorstellen kann, dass dieser Ansatz praktisch nicht umsetzbar ist- im Gegenteil. Aber besonders eine Formulierung nimmt mir ein wenig die Hoffnung, dass sich dieser Ansatz bereits in naher Zukunft bei vielen Unternehmen wiederfinden wird: “Es handelt sich dabei um einen subtilen und langsamen Weg…” – welche Marketing- und PR-Entscheider haben heute noch Zeit? Dieser Punkt ist vermutlich der zeitaufwendigste in der Überzeugungsarbeit eines Neukunden (außer, dieser kommt wie anscheinend in diesem Fall von selbst mit einer entsprechenden Anfrage auf die Agentur zu).
Bin sehr gespannt, wann und welche Praxisbeispiele hier vorgestellt werden.
Vertrauen entsteht eben nur mit der Zeit. Ich kenne nicht einen wichtigen Multiplikatoren im Social Web, der über Nacht wichtig geworden ist. Auch nicht einen Journalisten. Einen Pressesprecher.
Wer mit der Öffentlichkeit in Dialog treten möchte, ist den Dialogpartnern Aufmerksamkeit und Engagement schuldig. Das geht anders nicht. Das geht zum Glück auch mit Twitter und Facebook nicht schneller.
Ich kann das an dieser Stelle auch so entspannt formulieren, weil wir beides im Portfolio haben. Auch das schnelle Social Media Marketing, das Campaigning. Wie im Posting oben ausgeführt – Mechanik konzipieren, anstoßen und ein kurzfristiges Ergebnis erreichen, das haben wir schon auch auf der Pfanne. Aber da muss man eben die Kirche im Dorf lassen: Durch eine coole Aktion, einen Foto-Contest, eine nette Microsite mit genialer Mechanik oder aber eine “Web-Pressekonferenz” mit Feedbackkanal für die Generation Upload sammelt man zwar Fans und Follower, generiert rasch Aufmerksamkeit, wird aber keinesfalls glaubwürdiger oder besser vernetzt.
Aber gerade das Langsame, der nachhaltige Dialog, wird aktuell mehr und mehr nachgefragt. Unternehmen interessieren sich immer häufiger dafür, wie sie im Web ebenso nachhaltig Profil aufbauen können wie sie das in der Offline-Welt schon seit langem tun.
Und ja, es gibt da schon konkrete Beispiele. An einer knappen Handvoll durfte ich seit meinem Start hier im April bereits mitwirken. Weitere zeichnen sich konkret ab. Im persönlichen Gespräch kann ich auch gern jederzeit konkrete Beispiele nennen. An dieser Stelle fände ich das nicht passend.
Ich glaube, dass Slow Networking ganz groß im Kommen ist. Und – noch besser: Wer es betreibt und dann im Fall einer Krise oder kommunikativen Chance rasch agieren möchte, der hat dazu alle nur denkbaren Chancen, wenn er zuvor in den Aufbau von Netzwerk, Vertrauen und Glaubwürdigkeit investiert hat.
Das Ganze ist auch gar kein neuer Trend: Offline funktionierte Networking schon immer so.
Der klassische Ansatz des Themenplans ist bei Blogs und sozialen Netzwerken natürlich nicht mehr up-to-date. Allerdings sollte der eigene Auftritt so oarganisiert sein, dass man den Dialog/Diskurs in entsprechende Richtungen gestaltet. Dafür bedarf es nicht nur der vorherigen detaillierten Absprache von Reaktionsmechanismen, sondern auch einer flexibel einsetzbaren Agenda, die vor allem die eigene Etablierung von Themen einbezieht. Das klassische Q&A für Journalisten muss daher angepasst werden auf Kundenwünsche und -beschwerden bzw. der Kritik (sowohl konstruktiv als auch kritisch) an aktuell vorangetriebenen Themen.
Aus meiner Sicht ist die erwähnte Themenmatrix der Themenplan der Zukunft. Wichtig ist, dass sie dynamisch fortgeschrieben wird. Auf Basis der Ergebnisse, die das Social Media Monitoring liefert. Letzteres muss nicht unbedingt ein Produkt oder eine Dienstleistung sein. Social Media Monitoring kann auch bedeuten, einfach die Learnings aus dem täglichen Dialog im Web 2.0 jederzeit in die Themenmatrix einfließen zu lassen.
Auch das ist nicht neu. Journalisten lassen schon seit jeher aktuelle Entwicklungen in die Themenplanung für ihr Medium einfließen. Das Web zwingt nun Pressestellen und Marketingabteilungen, dies auch zu lernen. Endlich!
genau das ist mein Punkt: flexible Themenplanung. Die 24/7 Verfügbarkeit ist eine Mär – zeitnah reagieren bedeutet: innerhalb realistischer Zeiträume mit angemessenen Reaktionen zu antworten bzw. auf Kunden einzugehen oder Themen zu forcieren. Man muss idR (außer in selten vorkommenden Kritikoffensiven)nicht innerhalb von 20 Sekunden reagieren, wie es viele suggerieren.
Danke für den Beitrag inkl. Diskussion. Trägt sicherlich dazu bei, Social Media Management in die Normilität zu überführen und nicht als etwas Besonderes zu sehen….es gehört einfach in den KommMix.
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