Große Gefühle als Erklärung für vieles.

Wie Teresa Bücker in einem Vortrag über “Liebe und Beziehung im Netz” auf der diesjährigen re:publica eigentlich noch viel mehr als ein großes Gefühl erklärt.

Und dann kam sie herein, die schmale, rothaarige Lady, setzte sich hin und erzählte den Anwesenden etwas von den großen Gefühlen, ohne dabei derer duselig zu werden. Die großen Gefühle im Netz, das war das Thema, zu dem Teresa Bücker, die sonst beim Freitag und als freie Autorin arbeitet, meinte, etwas sagen zu wollen, etwas sagen zu müssen, weil sie mehr “über Inhalte als technische Lösungen” reden wolle auf Konferenzen wie dieser re:publica. Das Interesse an Teresa Bückers Vortrag war groß, und entgegen der Erwartung, wenn man an Liebe und Gefühle und Beziehungsgerede im Internet denkt, waren viele Männer anwesend.

Es überrascht mich, dass das Interesse so groß ist, obwohl es hier um sehr menschliche Dinge geht.” (Teresa Bücker)

Die menschlichen Dinge hat sie in den Mittelpunkt ihres Vortrags gestellt, auch ihre eigene Beziehung und die Differenzen, die es mit sich bringt, wenn sie zehn Jahre jünger ist und sich viel im Internet bewegt und schreibt, und er das manchmal nicht verstehen kann, und wie es dann zu Auseinandersetzungen und die Beziehung aber auch weiterkommt, wenn man drüber redet, auch das sparte sie nicht aus. Dass digitale Kommunikation zum Anbahnen von Beziehungen nicht mehr wegzudenken sei, konstatierte Bücker. Ja, so ist es. Auch wenn viele das immer noch nicht wahrhaben wollen, weil es uncool klingt, wenn man sagt, man habe sich im Internet kennengelernt, obwohl sich so viele tagtäglich dort bewegen. Und dann sollen die Leute im Raum die Hände heben, die mit dem Internet und ihren Beziehungen Erfahrungen gemacht haben, also mit dem Kennenlernen im Netz – und die Hälfte der Hände im Raum hebt sich. So ist das: Alle machen’s, aber keiner gibt es zu. Auf so einer Konferenz rund um digitale Themen aber, da darf man das zugeben, da wird mit Komplimenten um sich geworfen, die beginnen mit: “Ihr seid das schönste Twitter-Pärchen…” und keiner findet es komisch. Nicht sehr jedenfalls.

Die Vor- und Nachteile dieser Sichtbarkeit im Netz, dieser veränderten Kommunikation, die sich aber dennoch auf menschliche Werte beruft und mit Emotionen eine Menge macht – sie anders auslegt, verstärkt und umdeutet, herumwirft und erfindet. – ich bin so froh, dass es endlich mal jemand sagt, also dass in den Netzwerken, die ja in unseren Zeiten eigentlich ein Symbol für Vereinsamung und Distanz stehen, eigentlich soviel passiert, nur eben unterschiedlich definiert und in verschiedenster Intensität.

Ich kann mich noch erinnern, wie ich bei studivz zum ersten Mal geheiratet habe.” (Teresa Bücker)

Die Sache mit dem Beziehungsstatus, das ist die eine. Die Sache mit den Männern ist die andere. Männer und ihren Ausdruck von Gefühlen im Netz beschreibt Bücker folgendermaßen: “Wir lesen so viel im Internet über Gefühle, da konnten die Männer nicht anders als mitzuziehen.” Und ein Satz von ihr ging in meinen Kopf und seitdem dort nicht wieder weg: “Die Kommunikation mit Partnern und über Liebe will nur eines bedingt: Realität abbilden.” Denn meiner Meinung nach beschreibt das nicht nur den Umgang mit Liebe und Gefühlen im Netz sondern den Umgang mit dem Netz allgemein in unseren Zeiten (wie das klingt, ich muss selbst hin und wieder meinen Kopf schütteln, während ich diesen Text schreibe, aber ich muss es trotzdem schreiben). Dieser Umgang mit dem Netz, wie zum Beispiel ich ihn lebe, hat nichts mit Seelenstriptease sondern mit Geschichten und Identitäten zu tun, einer Routine, dem Erzählen. Und so fährt Bücker in ihrem Vortrag fort: “Es gibt eben kein gemeinsames Verständnis.” Deswegen muss man es immer wieder neu ausloten, es gibt keine Liste, keinen Plan, keine allgemein gültige Anwendungsbeschreibung. Für das Netz nicht und für Liebe im Netz auch nicht. Klingt pathetisch, aber was soll’s.

Datenschutz und ‘Kontrollgesellschaft”‘ ist ja nicht nur ‘von oben’ ein Problem, sondern die Menschen schaffen sich oft selber eines.” (Katja Kullmann)

Dass Stalking und Eifersucht ein Problem sind, das überrascht nicht. Der Mensch macht sich immer Bilder und setzt diese mit anderen Menschen in Verbindung und Vergleich – im Fall vom Netz beziehen sich die Bilder verstärkt auf potentielle oder den aktuellen Partner, auf das ewige Vielleicht und “Was wäre, wenn…” – aber auch in Bezug auf dieses doch dunklere Kapitel im Umgang mit Liebe im Netz appelliert Bücker an Rationalität und Vertrauen: “Man sollte das immer in Relation sehen.” Und mitunter mag es vorkommen, dass man denkt, man sollte sich das merken, also dauerhaft und fett unterstrichen.

Der Beziehungsstatus hat im Netz eine andere Funktion als dessen Angabe auf der Steuererklärung.” (Teresa Bücker)

Und ich muss lächeln, als sie das sagt. Weil es mir so oft begegnet, wie jemand nicht verstehen kann, warum ich twittere, ein Blog schreibe, auf Facebook zu finden bin und all die Dinge lese, die andere Menschen so ins Netz schreiben, mir eine Meinung dazu bilde oder es sein lasse, aufnehme, selektiere und wieder aus meiner Wahrnehmungsschleife werfe. Und ich habe immer noch keine Erklärung gefunden, die sagt, wie ich dahingekommen bin, mich über all das im Netz zu freuen, über großartigen Input für alle Bereiche meines Lebens, über eine so weitreichende Erleichterung vieler Dinge, die mich die anderen, negativen, schwierigen Dinge dazu in Relation setzen und als nicht ganz so wichtig ansehen lässt. Weil es auch da wie bei allem anderen darum geht, zu reflektieren, zu hinterfragen, sich einen Standpunkt zu basteln, auf dem man sich wohl und zuhause fühlt. Ich habe noch keine Erklärung gefunden, die es schafft, die Stirnfalten in den Gesichtern derer zu glätten, die fragen: “Wieso machst du das eigentlich? Und wo nimmst du die Zeit her?” Das passiert eben.

Sollte man über Liebe im Internet reden? Ich denke, ja. Ich glaube, Gefühle gehören ins Netz, denn ich halte es für wichtig, Menschen ganzheitlich wahrzunehmen. Die Palette ist breiter als Zensursula.” (Teresa Bücker)

Die Ganzheitlichkeit, die Bücker in ihrem Vortrag am Ende angesprochen hat, die hopst mir aus dem Herzen. Weil diese ganzen Dinge, die Menschen im Internet machen, die das Internet zu dem machen, was es ist, mit Gefühlen und Leidenschaften und natürlich auch mit Emotionen zu tun haben, die vielleicht nicht so angenehm sind, so sind Menschen nun einmal, drinnen oder draußen, on- und offline. Deswegen gibt es keine Anleitung, es gibt nicht DIE Strategie, DEN Plan, DAS Projekt, DIE Art und Weise, wie man Menschen online bewegt, wie man mit ihnen spricht, wie man sie rührt. Es gibt nur Menschen und davon viele – und wenn man sie ernst nimmt, kann das der allererste und oft entscheidende Schritt sein. Das ist wieder so eine Geschichte von Sensibilität und Wahrnehmung und inwiefern man bereit ist, sich auf andere einzulassen, flexibel zu bleiben im Kopf und seinen Standpunkten, Erfahrungen zu machen. Dass es auch mal kompliziert werden darf, weil der Mensch an sich kompliziert ist, daran ändert das Netz nichts.

Zu viel teilen kann aber auch sein… etwas, das vom Absender als ‘privat’ verstanden wird, weiterzugeben. Das ist nicht nur ein Problem von Menschen sondern auch von Maschinen.” (Teresa Bücker)

Am Ende ihres Vortrags bringt es Bücker mit mehreren simpel klingenden, zusammenfassenden Statements auf den Punkt, auf den Punkt, weil diese Punkte auf den Umgang “Mensch und Netz” in einem breiteren emotionalen Kontext zutreffen als nur auf Liebe. Sondern eben auch auf diese Spannung zwischen Mensch und Netz, auf das Unbehagen, das viele dem Netz und gerade sozialen Netzwerken gegenüber haben, auch gegenüber Menschen, die sich darin bewegen und äußern.

- Beziehungen werden im Netz neu- und ausdifferenziert.
- Unterschiedliche Interpretation beruht auf unterschiedlichem Verständnis des Mediums.
- Beziehungen werden als Geschichten gesteuert.
- Dennoch gilt es, die informationelle Selbstbestimmung zu beachten.

Beziehungsmanagement ist etwas, das man lernt, nicht etwas, das man kann.” (Teresa Bücker)

Und so ist es auch mit einem selbst und seiner Beziehung zum Netz, mit den Befindlichkeiten, die darin ausgetragen werden. Das kann man nicht. Das kann niemand einfach so. Das lernt man. Und dazu gehört Anstrengung. Warum Werbung und PR so oft noch ein Problem im und mit dem Netz haben, ist keine Sache des falschen Plans, es ist eine Sache der Nähe, des Nachvollziehens. Weil es anstrengend ist, sich mit Menschen auseinander zu setzen. Weil es anstrengend und für die Branche eben auch oft nicht selbstverständlich ist, sich erklären und rechtfertigen zu müssen. Weil es Kraft kostet, zu reagieren. Aber so ist das halt, das ist nun eigentlich nichts Neues.

Und dann verließen die Zuschauer den Raum und ich blieb noch kurz sitzen und grinste, weil ich froh war zu sehen, dass es eigentlich ganz einfach ist. Und noch immer halte ich diesen Vortrag für einen der essentiellsten dieser re:publica.

Ein Interview mit Teresa Bücker ist u.a. bei jetzt.de erschienen.

4 Kommentare

[...] Vorträge in diesem Jahr der Vortrag von Tessa war, und über den musste ich auch noch einmal im Umfeld meines Arbeitgebers schreiben, nicht weil ich den Auftrag hatte sondern weil es mir ein Anliegen war, in diesen Kreisen, in denen [...]

Ich bin gerührt. Vielen Dank für die schöne Zusammenfassung.

Da bereut man es direkt es zeitlich nicht mehr geschafft zu haben. Schöne Zusammenfassung, die den Besuch gefühlt fast ersetzt. Nur »die Männer« muss nicht sein.

[...] von einem Vortrag von Teresa Bücker auf der letztjährigen Re:publica über Liebe und Beziehungen im Netz, sagen die beiden. Falls es mit einer Veranstaltung auf der diesjährigen Re:publica nichts [...]

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