Man muss ja nicht gleich Seiltanzen.

Aber man könnte zumindest Balancieren… Warum das Internet nämlich doch ein bisschen was mit Artistik zu tun hat.

Da gibt es ganz schön viele Menschen, die Angst vor dem Internet und Computern haben, schreibt die SZ heute. Dabei ist es doch eigentlich so putzig. In meiner Welt hat das Internet große Kulleraugen samt Hundeblick, hopst aufgeregt jeden Tag durch die Gegend und erzählt lustige, spannende Dinge und kriegt manchmal die Kurve nicht ganz. Was zufolge hat, dass es auf die Nase fällt. Oder nervt. Hin und wieder auch so sehr, dass man es nach draußen stellen und die Tür abschließen muss. Mit den Manieren hat es das Internet in meiner Welt oft nicht, es benimmt sich häufig daneben, was aber inmitten von Coolness und Etikette und stocksteifem Bürokratiegeschwurbel auch mal sehr erfrischend ist. Manchmal möchte ich ihm eine schallern, manchmal möchte ich ihm in die Arme fallen. Und ja, ich kann verstehen, wenn man skeptisch davor sitzt und nicht so ganz weiß, was man jetzt eigentlich damit soll. Weil es brüllt und schreit und auf und ab rennt und niemals niemals still sitzt.  Das kann einen irre machen. Ich verstehe das.

Ich verstehe auch, dass man mit großen Kulleraugen am Friedrichstadtpalast vorbeiläuft, während da eine Horde meist jüngerer, oft lustig aussehender Menschen steht, von denen 90% gerade ein Mobiltelefon und/oder einen Rechner in den Händen hält, telefoniert, tippt, in die Sonne guckt und sich unterhält. Also gleichzeitig. Ich kenne diesen distanziert neugierigen Blick von mir, in meinem Gesicht wendet er sich an, wenn ich – lassen Sie mich überlegen – zum Beispiel Artisten begegne. Die machen da Sachen und ich weiß nicht, wozu die gut sind, aber sie sehen cool aus, und was ich weiß, ist, dass ich das nie könnte. Also lasse ich es bleiben und gucke kurz und gehe dann weiter und erzähle zum Beispiel am Abend meiner Mutter davon und habe sie manchmal am nächsten Tag schon wieder vergessen.

Die Sache mit dem Internet und diesem Social Media Kram auf zweiter Stufe ist ja, dass das so ist, als stünden in der Stadt plötzlich überall Artisten, als müsste ich, um Geld von der Bank abzuholen, ein Kunststück machen, als müsste ich, um eine Zeitung zu kaufen, über ein Seil gehen. Es ist überall und beinahe jeder bekommt es mit, aber alle haben Angst, „runter zu fallen und dann kaputt zu gehen“, wie es Helge Schneider einmal so schön formulierte. Ich verstehe das.

Was ich nicht verstehe, sind zwei Dinge.

1. Stellen wir uns also vor, das Internet sind diese ganzen Artisten, die in der Stadt herumlaufen und denen ich zwangsläufig begegne, weil sie nun einmal überall sind und weil die Stadt nur so funktioniert, wie sie funktioniert, weil die Artisten kleine Verbindungen und Brücken bauen, die es sonst nicht geben und ohne sie alles auseinander fallen würde. Man kommt also nicht um sie drum rum. Wieso kaufe ich mir als Bewohner dieser Stadt dann eine Schlafbrille, setze sie am hellen Tag auf und wundere mich, dass ich ständig Leute anrempel, die sich dann aufregen oder mir auf den Fuß treten, dass ich eventuell sogar gegen eine Laterne laufe und mir schlimmeres tue, wenn ich doch einfach nur mal hingehen und ein bisschen schauen müsste. Oder, wenn ich ganz gewitzt bin, einfach mal so einen Artisten frage, wie das denn geht mit dem Spagat und den Armmuskeln und dem Balancieren? Es ist ja nicht so, dass die nicht meine Sprache sprechen, geschweige denn nicht reden können, die plappern ja die ganze Zeit.

2. Stellen wir uns also vor, wir sind diese Artisten, die in der Stadt herumlaufen, und wir begegnen ständig Menschen, die uns seltsam angucken, weil sie nun einmal überall sind und die Stadt so lange durch sie funktioniert hat, und die unsere Brücken benutzen, aber häufig falsch und die sich manchmal ein Bein brechen, weil sie versuchen, die Brücke zu ignorieren. Wir kommen nicht um sie herum, weil sie die alten Strukturen ausmachen, weil sie Strippen in der Hand haben, die auch an unseren Häusern ziehen und über die man oft stolpert, denn sie liegen im Weg herum. Wieso beschäftige ich mich als Artist trotzdem häufig nur mit mir selbst, mache eine Aufführung zum Thema „Wie ich als Artist eine Aufführung mache und die Aufführung finde, die andere darüber machen, wie ich eine Aufführung mache“. Wieso schwinge ich mich häufig arrogant grinsend über die Herumstehenden hinweg und wundere mich am Ende, wieso keiner mitschwingt? Wieso erfinde ich eine neue Sprache und rede so verschwurbelt, dass mich meine Mama nicht mehr versteht? Wieso lade ich zu meinen Artistencamps immer nur solche ein, die eh schon all das können, was ich kann?

Ja, das ist jetzt alles sehr bildlich gesprochen und auch nicht weit genug ausgeholt, denn natürlich ist Expertenaustausch wichtig, natürlich gibt es Freundeskreise und Interessengebiete. Aber am Ende möchte ich mich doch aufregen über die zwei kleinen bzw. gar nicht so kleinen Blasen, die über ihrer Seifenschale tanzen, weil sie Angst haben kaputt zu gehen.

Herr Lumma und Herr Kühl-v. Puttkamer haben sich übrigens auf ihre Art und Weise mit dem Thema befasst.

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