Wer nicht fragt, bleibt dumm. Und wer nicht antwortet?

Jemand hat mal gesagt, es gäbe keine dummen Fragen. Dennoch gibt es einen Ort im Internet (wie bestimmt noch viele andere), da wird häufig das Gegenteil bewiesen. Die Frage-Antwort-Website Formspring.me hat Ende des letzten Jahres für einen kleinen Twitterhype gesorgt und war auf vielen Bildschirmen für kurze Zeit Dauergast in der Tableiste. Ob sich Formspring zu einem ernstzunehmenden Dialogmodell entwickelt oder nach anfänglichem Hurra schnell wieder in der Versenkung verschwindet, wie spannend Formspring für Firmen ist und wieviel Zeit so ein Account eigentlich kostet, das haben wir Sascha Lobo (@saschalobo), Susanne Reindke (@happyschnitzel) und Nilz Bokelberg (@nilzenburger) gefragt.

1. Sascha Lobo (hat über 900 Fragen bei Formspring beantwortet)

Sascha Lobo
Photo © Jan Bölsche

Warum nutzt du Formspring?
Das alte Frage-Antwort-Schema hat mich spontan wieder inspiriert, einen Faden aufzunehmen, den ich zu lange vernachlässigt hatte: die Welterklärung. Ich glaube, dass Erklärungen aller Art gut und wichtig sind. Das heißt ausdrücklich nicht, dass ich meinen Standpunkt anderen aufdrängen will (oder nur ein bisschen), aber meinen Standpunkt zu den Dingen zu erklären ist ein Wunsch, den ich schon immer habe. Aktuell mache ich aber eine Formspring-Pause. Das liegt vor allem daran, dass ich ein Buch zu Ende schreiben muss, eher aber noch daran, dass sie keinen RSS-Feed haben, mit dem ich die Fragen und Antworten in mein Blog feeden kann. Ob ich den Formspringfaden wieder aufnehme, hängt davon ab, ob sie es sozial weiterentwickeln und ob es groß wird. Denn natürlich ist es Teil meines Berufs und auch mein Wunsch, jeden Hype-Quatsch selbst mitzumachen und weiter zu befeuern, wenn ich es für richtig halte.

Sortierst du viel aus?
Aktuell habe ich 935 Fragen beantwortet und 402 unbeantwortet in meiner Inbox. Die Frage “Bist du schwul?” habe ich in allen möglichen Schreibweisen ungefähr 100 Mal gelöscht, ein paar andere Fragen auch. Ungefähr jede fünfte Frage beantworte ich nicht, die meisten allerdings, weil sie schon so oft gestellt wurden, dafür muss eine Lösung her, sonst schafft es Formspring nicht durch mein darwinsches reverses Social-Network-Sieb. Zwischendurch hatte ich eine Spamattacke, die ich mit Hilfe eines Formspring-Mitarbeiters in den Griff bekommen habe, dabei habe ich rund 1000 Spamfragen gelöscht.

Wie viel Zeit kostet Formspring?
Am ersten Wochenende zwischen Donnerstagabend und Sonntag-Spätabend habe ich knapp 900 Fragen beantwortet, die meisten ausführlicher. Das hat ungefähr zwölf Stunden gedauert. Seitdem immer mal wieder kurze Antwortanfälle. Wenn die Weiterentwicklungen kommen und gut sind, könnten es so zwei, drei Stunden in der Woche werden, denke ich.

2. Susanne Reindke (hat über 2000 Fragen beantwortet)

Susanne Reindke

Warum benutzt du Formspring?
Angemeldet habe ich mich, als Anfang Dezember 2009 auf Twitter so ein Hype entstanden ist. Bei neuen Internetdiensten melde ich mich prinzipiell aus Neugier an, um zu sehen, wie das funktioniert, was das kann – und ob es quasi zu Recht so umjubelt wird.
Dann fand ich es eine Weile sehr spannend, ich habe beim Beantworten der Fragen relativ viel über mich herausgefunden. Mich hat es überrascht, wie viele Leute mich anonym um Rat gefragt haben, damit hätte ich im Vorfeld nicht gerechnet.

Wieviel Zeit kostet dich das am Tag?
Insgesamt habe ich jetzt 1.850 Fragen beantwortet. In den ersten drei Wochen habe ich an die 1.700 beantwortet, das hat schon einiges an Zeit gekostet – ich hatte aber grade Urlaub, also war das in Ordnung. Seither kommen relativ wenige Fragen, und es nimmt nicht mehr so viel Zeit in Anspruch.

Sortierst du viele Fragen aus?
Etwa 10 % der Fragen beantworte ich nicht. Zum einen hatte ich das Vergnügen, von recht organisierten Trollen richtig mit unschönen Fragen zugespammt zu werden. Die haben sich in einem Forum versammelt und dort den Link zu meinem Formspring-Profil gepostet – was da kam, kann man sich wirklich kaum vorstellen. Das zeigt einem dann die Abgründe des Internets im Detail.
Zum anderen sortiere ich Fragen aus, die mich persönlich beleidigen, eines meiner Projekte angreifen oder Dinge betreffen, über die ich im Internet nicht spreche, manche Bereich meines Lebens sind da bewusst ausgeklammert.

Könnte man die Fragen, die dir dort gestellt werden, als FAQ deines Lebens bezeichnen?
Nein, weil es noch so viele Dinge gibt, die ich dort nicht gefragt wurde oder gesagt habe. Dennoch denke ich, dass man mich recht intensiv kennenlernen konnte, wenn man in der Zwischenzeit mitgelesen hat.

3. Nilz Bokelberg (hat über 100 Fragen beantwortet)

Nilz Bokelberg

Warum nutzt du Formspring?
Weil die Anonymität spannende Fragen aus den Leuten rauskitzelt. Manchmal zumindest. Ich find’s lustig und glaube, Formspring.me hat Potential sich ähnlich zu entwickeln wie Twitpic. Ich denke aber nicht, dass es eigenständig funktionieren würde. Ich glaube zum Beispiel, dass Formspring für Firmen absolut ungeeignet ist. Das Interface ist dafür irgendwie nicht gemacht, Firmen sollten Kunden lieber auf ihren eigenen Seiten rundum betreuen. Bevor sie das noch nicht kapiert haben, sollten sie lieber die Finger von Formspring lassen.

Löscht du viele Fragen?
Ich habe bisher erst eine Frage gelöscht.

Fragst du selbst, auch anonym?
Manchmal, ja. Und natürlich: Immer anonym. Das ist ja der Gag, find ich. Dennoch frage ich meistens so, dass mein „Interviewpartner“ drauf kommen könnte, dass ich der Fragesteller bin.

Formspring.me ist ein Marketingableger von Formspring.com. Die kommen aus Indianapolis und helfen Betreibern von Websites dabei, einfach und schnell Webformulare zu erstellen. In der deutschen Twitterszene wurde die Plattform Ende des letztes Jahres gehyped, mittlerweile ist es wieder etwas ruhiger geworden. Johnny Häusler von Spreeblick zum Beispiel schreibt auf seiner Formspring-Seite: „Obwohl ich das Tool nett finde, habe ich es als einen weiteren Zeitfresser empfunden, zuletzt waren rund 120 teilweise durchaus spannende Fragen in meiner Inbox, das schaffe ich zur Zeit nicht. Daher bin ich hier zunächst auf Pause. Vielleicht fange ich wieder an, vielleicht auch nicht.“ Die letzte Formspring-Aktion, die für ein wenig Wirbel innerhalb der deutschen Twitterei sorgte, war die SPRechstunde von den Machern des Blogs massenpublikum.com, die zu einem festgelegten Zeitpunkt Fragen rund um die Gründung von Start-Ups und PR beantworteten. Danach hieß es auf ihrem Blog jedoch auch: „Wir haben 25 Fragen beantwortet. Mehr geht aktuell nicht. Eben weil Kommunikation kein Fließbandprodukt ist und wir versuchen, uns in jeden Fall reinzudenken und ihn so ausführlich wie möglich zu beantworten.“

In diesem Sinne: „Tausend neue Sachen, die gibt es überall zu sehen, manchmal muss man fragen, um sie zu verstehen!“ Manchmal aber eben auch nicht.

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