Wo fing das an – und wann?
1987 war alles ganz einfach. Ich bin in einen gespenstisch großen norddeutschen Elektrofachmarkt gegangen und habe mir einen Reset-Schalter gekauft. Ja, die gab es damals einfach so im Elektroregal. Mit der passenden Schnittstelle für meinen Commodore C64. Was für ein tolles Gefühl: ein leichter Druck auf den roten Schalter und alles war wieder bei Null. Summer Games, Hunderennen und Fußballmanager wieder auf Anfang gestellt. Meine Fehler beim Bogenschießen, mangelndes Talent beim Hürdenlauf und Übermut bei Spielertransfers einfach ausradiert. Alles wieder jungfräulich, noch keine Richtung abzusehen. Everything is possible – jederzeit wieder.
Den C64 samt Floppy gibt es nicht mehr. Den Reset-Schalter habe ich noch – in einer alten Technik-Gerümpelkiste. Wie schön wäre es, denke ich gelegentlich, wenn er auch heute noch verwendbar wäre. Klar, jeder Rechner hat längst einen eingebauten Resetschalter. Aber eine Löschtaste für den Livestream, der mich rund um die Uhr verfolgt und den das Internet ohne Pause füttert, wäre manchmal wirklich hilfreich. Facebook-Livemeldungen, Newsletter, RSS-Feeds aus der Airlinebranche, die neuesten Gerüchte aus dem HSV-Fanforum und dazu noch kryptische Status-Updates oder twitter-Botschaften, deren Interpretation oder Deutung schwieriger ist als die Decodierung von Frauen und Franzosen. Aber gut, der Schalter bleibt wohl ein unerfüllter Wunsch.
Und wenn etwas nicht mehr auf Anfang zu stellen ist, dann muss man halt einen Weg finden, damit umzugehen: Technische Lösungen, die vorsortieren, bewerten, automatisieren – mich virtuell steuern.
Aber halt, das Internet ist ja kein Contentproduzent, den man technisch bezwingen muss. Es sind die Menschen, die es füttern und zur jetzigen Größe haben wachsen lassen. Sie füttern Facebook mit Live-Updates, kommentieren und berichten über das Leben da draußen. Wenn ich das Internet beherrschen will oder mit ihm leben können will, dann muss ich vielleicht nicht das Netz an sich verstehen, sondern die Menschen an sich. Wie im realen Leben. Oder besser gesagt: Das Netz ist das reale Leben und die Sucht zum Internet ist nichts anderes, als die Liebe zu den Menschen. Wer dies versteht, der begreift wohl auch den Boom des Social Webs und letztendlich wie man damit umgehen muss – als Privatperson und als Unternehmen.
Gerade liegt die DVD meines Lieblingsfilms “Eternal sunshine of a spotless mind” vor mir. Jim Carrey und Kate Winslet lassen sich in dem Film die Erinnerung an ihre komplizierte Liebesbeziehung mit einem technischen Verfahren löschen – um alleine glücklich zu werden. In ihrem neuen, von dieser Erinnerung befreiten Leben, verlieben sich die beiden schnurstraks aufs Neue ineinander. Vielleicht sollte ich den Reset-Schalter einfach endgültig entsorgen.
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